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Yoshiki macht eine Liste.
Sie hat keinen praktischen Sinn und niemand hat ihn darum gebeten und sie lässt ihn mit nichts abschließen und bringt ihm keine Linderung. Aber wenigstens ist sie eine gute Erinnerung an vergangene Sommer, als -
Nein. Sie ist keine gute Erinnerung, verdammt. Ist sie nicht. Jeder Gegenstand, den Hikaru zurückgelassen hat, ist wie ein Satellit, der um einen toten Planeten kreist, oder der Schlüssel zu einem abgerissenen Haus: Er hat keine Bestimmung mehr und keinen Bezug zu irgendwas, nada, es zeugt von nichts als Schmerz und Abwesenheit -
Und doch macht Yoshiki eine Liste.
1. eine halb gegessene Tüte Chili-Seetang Chips
(Er hätte fast Lust, sie als Opfergabe neben Hikarus Gedenkstätte auszustreuen. Seit sich die Geschichte über den Wassermelonenmann als falsch herausgestellt hatte, waren er und Hikaru vorsichtiger mit modernen Legenden geworden… Aber vielleicht würde sein Freund ja gerne etwas von der Tiefseemöwe hören, die sich bei Ebbe in ein Monster verwandelt und über die Küsten von Japan pirscht und die Füße von Strandbesuchern in Seetang verheddert.)
2. ein weißes T-Shirt mit dem Logo von Mount Hope
(Yoshikis sexuelles Erwachen war entweder bei einem Theaterstück über die Französische Revolution, das sie in der fünften Klasse angesehen hatten, in dem die männliche Hauptfigur eine Wunde versorgen musste und seine Hose fast bis zum Knie hochkrempelte, oder der Anblick seines Freundes, wie er in diesem Shirt Volleyball spielte. Hikaru hatte immer am Stoff gezogen, wenn er sich langweilte, was oft war, sodass der Saum des Shirts zu nicht-euklidischen Winkeln ausgeleiert war, und der Halsausschnitt bedenklich tief. Kehle; Schulter; Schlüsselbein. Der Anblick hatte Yoshiki ebenso angezogen wie “Hikarus” feuchtes, wogendes, unbegreifliches Inneres.)
3. eine Ausgabe des Leitfadens für Pilzjäger - voll illustriert und voll mit Eselsohren
(Hikarus Opa hatte das Buch für Hikarus sechsten Geburtstag gekauft, um ihn in den edlen Beruf des Shiitake-Anbaus einzuführen. Hikaru hatte da bereits sechs verschiedene Pilz-Apps auf seinem Handy installiert, aber er ignorierte sie alle für das Buch, was Yoshiki ziemlich süß fand und so.)
4. ein Foto von diesem Volltrottel Hara, wie er einen Donut mit Puderzucker isst, mit all der Würde einer Person, die einen Donut mit Puderzucker isst
(Heh.)
5. ein hangeschriebenes Blatt mit ihren jeweiligen Smash-Punkteständen
(Auf Hikarus Wunsch hin hatten sie ihre Siege und Niederlagen über zwei Monate hinweg festgehalten, um wissenschaftlich festzustellen, ob Prinzessin Peach stärker war als Solid Snake - aber eines Tages hatte der Stift, den sie benutzt hatten, keine Tinte mehr gehabt und der nächste Stift wäre im Wohnzimmer gewesen, ganze sechs Meter weit weg, woraufhin beide jegliches Interesse an diesem Unternehmen verloren hatten.)
6. ein BL doujinshi unter dem Titel Master, oh Master
(Es war entweder das beste oder das schlechteste Geburtstagsgeschenk, das Yoshiki jemals jemandem gekauft hatte. Um Himmels Willen, der Titel war derselbe wie Master Master, abgesehen von einem einzigen Zeichen! Wie sollte das seine Schuld sein? Hikaru hatte sich halb tot gelacht und Yoshiki war sich sicher gewesen, dass ihm das ewig nachhängen würde. Aber. Naja.)
7. Crowlys Grab:
(Yoshiki träumt immer noch manchmal von ihm.)
8. ein Ring mit einem irren, rot marmorierten Stein
(Er war über Jahrzehnte in der Indou Familie weitergegeben worden und Hikaru hätte ihn seiner zukünftigen Braut geben sollen, wer auch immer sie sein würde. Gewesen wäre.)
9. sein Körper, seine Stimme, die listige Art, wie seine Augenlider sich kräuseln und seine Schneidezähne sichtbar sind wenn er lächelt, seine Grübchen, sein Haar, sein
(Das ist mehr als ein Punkt, oder? Egal. Das Gefühl von Verlust ist so überwältigend, dass sich Yoshikis Kehle manchmal zur Größe eines Flaschendeckels zusammenzieht und es unmöglich ist, zu atmen. Diese Gefühle scheinen zu tief und zu weit zu sein, für dieses Dorf am Arsch der Welt, wie ein Meer. Wie in diesen europäischen Filmen, die seinen Freund immer zum weinen gebracht hatten. Es ist verdammt beängstigend, wie sehr er Hikaru vermisst, selbst wenn “Hikaru” neben ihm sitzt. Nee. Besonders dann.)
10. ein drei Jahre altes Fahrrad
(Von hinten, in seiner Schuluniform, einem aprikosenfarbenen Sonnenuntergang entgegenradelnd, kann er - es - total als der echte durchgehen. Die Luft hat etwas sanften Biss. Ein Blatt, zu früh abgefallen, schwebt für einen Moment zwischen ihnen, bevor es sich daran erinnert, der Schwerkraft zu gehorchen und mit einem Kunstvollen Schwung davonfliegt. Zikaden verkünden den kommenden Sommer. Es ist gut. Es ist großartig. Es ist besser als nichts.)
