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Keine Freundschaft

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Olli senkte den Kopf, während er sich durch die Menge einen Weg nach vorne bahnte. Je länger er hier war, desto weniger war er sich sicher, ob das alles eine gute Idee gewesen war.

Er wusste wirklich nicht, wie es zwischen Ihnen so weit kommen konnte. In der einen Sekunde hatten sie sich nur über Jans Leben auf Tour unterhalten, in der nächsten hatten sie sich angeschrien. Es hatte genauso wie immer angefangen. Jan sagte ein falsches Wort und in Ollis Kopf legte sich ein Schalter um. In diesem Fall hatte Jan sich einmal zu viel über zu lange Autobahnfahrten und ungemütliche Hotelzimmer beschwert, dass Olli an die Decke gegangen hatte. Ihn als undankbar beschimpft hatte. Ihm vorgehalten hatte, wie viele Konzerte er in den letzten zwei Jahren hatte absagen müssen. Wie oft er sich gewünscht hatte, wieder in so einem stickigen Nightliner wie Jan sein zu dürfen.
Natürlich hatte Jan seinen Wutausbruch nicht verstanden. Ihm gesagt, er würde überreagieren. Dass er mal wieder ohne Grund cholerisch gewesen wäre und seinen Frust an ihm auslassen würde.

Im Endeffekt hatte Jan mitten in einer erneuten Schimpftirade von Olli einfach aufgelegt. Seitdem herrschte Funkstille zwischen ihnen, was doch eher ungewöhnlich war.
Es war allgemein bekannt, dass Jan Böhmermann und Olli Schulz sich gut streiten konnten. Doch bisher hatten diese Auseinandersetzungen nie länger als zwei Tage angehalten. Irgendjemand entschuldigte sich immer und dann vergaßen sie, was auch immer sie gegeneinander aufgebracht hatte.
Doch diesmal schien es anders zu laufen. Diesmal hatte Olli das Gefühl wirklich etwas richtig falsch gemacht zu haben.

Und deswegen fand sich Olli nun hier, in der Max-Schmeling-Halle in Berlin, wieder. Gleichzeitig darauf hoffend, dass ihn hier am Rand hinter seinem Kapuzenpulli niemand von den Konzertbesucher*Innen erkennen würde und Jan ihn von der Bühne aus sehen würde. Schon am Morgen nach ihrem Streit hatte er es bereut, Jan diese Dinge an den Kopf geworfen zu haben. Er wusste ganz genau, wie sehr Jan sich schon seit über einem Jahr auf diese Tour freute. Genauso war ihm auch klar, wie sehr ihn sein Freund während der Coronazeit unterstützt hatte – als er die Bühne vermisst hatte; Menschen so vermisst hatte, dass er dachte, er könnte nicht mehr.
Jan war sein Anker in dieser Zeit gewesen. Und die Freundschaft zwischen ihnen war stärker denn je geworden, ja, vielleicht hatte Olli sich nach diesem Streit endlich eingestanden, dass das, was ihn mit Jan Böhmermann verband, nicht mehr rein platonischer Natur war.
Er wollte das mit Jan nicht aufgeben und wegen seines dummen Temperaments auseinander brechen lassen. Nicht wegen der Arbeit, wegen Fest & Flauschig - noch nicht mal wegen ihren Hörer*Innen. Es ging ihm allein um Jan und ihn.

Deshalb hielt Olli den Atem an, als sich endlich der Vorhang senkte und Jan und das RTO den ersten Song anstimmten. Es wirkte so unwirklich Jan auf einer solchen Bühne wieder zu sehen, wo er doch vor ein paar Wochen noch mit einem Bier in der Hand an seinem Küchentisch gesessen hatte.
Wie gebannt beobachtete er, wie sein Freund enthusiastisch zu den Liedern performte, lachte, wenn das Publikum jubelte und mitsang, wie er zwischendurch immer wieder Witze riss und in typischer Böhmermann-Show-Manier stichelte. Olli hatte fast vergessen, weswegen er gekommen war, als mitten im nächsten Lied Jans Augen auf seine trafen. Er glaubte zu sehen, wie ein Schatten über das Gesicht des Satirikers fiel, doch im nächsten Moment tanzte Jan fröhlich wie zuvor weiter.
Doch Olli wusste, dass Jan ihn erkannt hatte.

Selbst in einem Raum voller Menschen, die ihn als Person in der Öffentlichkeit kannten, war Jan der Einzige an diesem Abend, der ihn gesehen hatte.

Olli verbrachte den Rest des Konzerts damit, zu versuchen, Jans Aufmerksamkeit erneut auf ihn zu ziehen. Doch es war vergebens, im Gegenteil schien Jans Blick sogar extra über ihn zu schweifen, immer wenn er in seine Richtung schaute. Es war zum Durchdrehen.
Vor dem letzten Song griff Jan dann nach einer kurzen Trinkpause wieder zum Mikro: „Jetzt neigt sich unser Abend langsam dem Ende zu. Aber naja, wer weiß vielleicht habt ihr ja noch etwas anderes vor später. Vielleicht wollt ihr noch mit eurem Partner oder eurer Partnerin kuscheln. Vielleicht wollt ihr sogar noch auf den Stepper oder mit dem Hund raus, ich weiß es nicht.“ Olli stand wie erstarrt da und nahm nur am Rand wahr, wie um ihn herum einige Leute die Anspielung erkannten, lachten und laut pfiffen.
Das musste an ihn gerichtet sein.
„Bei mir warten nur grummelige Singer-Songwriter im Backstage – zumindest hoffe ich das“, fügte Jan etwas leiser hinzu und warf Olli zum zweiten Mal an diesem Abend einen flüchtigen Blick zu. „OLLIII“, grölte eine Gruppe junger Männer etwas weiter links von Olli, der augenblicklich zusammen zuckte und sich instinktiv weiter in seinen Kapuzenpulli verkroch. Es war wirklich ein Wunder, dass sie ihn mit seinen nicht gerade dezenten knappen zwei Meter Körpergröße noch nicht erkannt hatten.
Eher er sich versah, hatte Jan schon wieder das letzte Lied des Abends angestimmt, doch Olli bahnte sich nun bereits seinen Weg zur Tür. Er wusste, wo er hin musste.
Leise vor sich hin schimpfend und Leute anrempelnd gelangte er schließlich aus dem Konzertsaal und vor eine Tür, über der das unmissverständliche Wort „Backstage“ prangte. Aus seiner Zeit als Roadie und Security-Mitarbeiter wusste er wie er sich verhalten musste. Er strich sich die Kapuze aus der Stirn, versuchte einen betont entspannten Gesichtsausdruck aufzusetzen und schlenderte dann einfach in den Backstage-Bereich als wäre es sein eigener. Doch natürlich waren sie nicht mehr in den 90ern und sogleich wurde ihm der Weg von einem breitschultrigen Mann, der offensichtlich als Security arbeitete, versperrt: „Hey, du hast hier keinen Zutritt.“
Genervt machte Olli sich auf eine längere Diskussion bereit, „Ich bin Olli Schulz und mit Jan Böhmermann befreundet. Natürlich darf ich hier sein.“
Doch der Kerl vor ihm schien das keineswegs zu beeindrucken, „Du stehst auf keiner Liste. Ich kann dich nicht einfach durch lassen, nur weil du behauptest, mit jemandem befreundet zu sein. Also gehst du von allein raus oder muss ich dir helfen?“ Olli wollte gerade dazu ansetzten, etwas zu kontern, als sich eine ihm nur zu gut bekannte Stimme hinter dem Security-Mitarbeiter erhob:
„Das ist schon okay, ich kenne ihn. Er kann reinkommen.“

Nickend trat der muskulöse Mann zur Seite und gab den Blick auf Jan frei, der Olli mit einem undefinierbaren Blick ansah. Mit einer Kopfbewegung bedeutete er Olli, ihm zu folgen und der Sänger lief ihm nach, bis sie zu einem Raum kamen, der offenbar Jans Garderobe war.
Dieser schloss die Tür hinter ihnen, verschränkte die Arme vor der Brust und schaute Olli wieder mit dem gleichen komischen Blick an. In der einen Sekunde vermutete Olli ihn ihm Wut zu erkennen, in der nächsten war er sich sicher, dass er traurig wirkte.
„Ich…ähm“, jetzt wo er vor seinem Freund stand, wusste er plötzlich nicht mehr, was er ihm genau sagen wollte. Wie er ausdrücken konnte, wie schlecht er sich die letzten Tage gefühlt hatte, wie viel ihm an Jan lag und wie gut es sich angefühlt hatte, ihn heute Abend wieder zu sehen.
Doch anstatt, dass ihm endlich die passenden Worte einfielen, blieb sein Blick an seinem Gegenüber hängen. Der Satiriker hatte sich anscheinend nur schnell ein neues T-Shirt angezogen, seine Haare waren immer noch leicht verschwitzt und ein paar Strähnen standen in seltsame Richtungen ab. Wie gebannt beobachtete Olli wie Jan langsam ein Wasserstropfen die Wange hinunterrann.
Erneut setzte er an, etwas zu sagen: „Ich weiß gar nicht, ob die mich nach allem überhaupt da haben wolltest heute Abend. Aber ich musste einfach kommen, ich hab mich so geschämt nach unserem Streit und ich wollte einfach nur sagen, dass - “
Weiter kam er nicht, denn in der nächsten Sekunde fand er sich schon in einer festen Umarmung von Jan wieder. Er war so überrascht, dass er nur einen leisen erschrockenen Laut von sich geben konnte.
Augenblicklich wurde ihm warm, als ihm sogleich Jans unverwechselbarer Duft in die Nase stieg, und er unauffällig seine Nase in seinen Haaren vergrub, um mehr von diesem wahrzunehmen.
Olli spürte, wie Jans Hände leicht über seinen Rücken strichen.
Dann sprach Jan zum ersten Mal, seit sie die Garderobe betreten hatten:
„Du glaubst gar nicht, wie sehr ich dich heute Abend hier haben wollte.“

Erleichtert atmete Olli durch. Das zwischen ihnen war wieder okay.
Vielleicht sogar ein kleines bisschen mehr als das.